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Frieder Otto Wolf

Die Aktualität radikaler Philosophie

Meine Ausarbeitung von Position und Selbstverständnis einer „radikalen Philosophie“ stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende zum 21. Jahrhundert. Das macht heute eine Überprüfung ihrer Aktualität erforderlich.

Das betrifft ihre historischen Voraussetzungen nicht weniger als ihre zentralen epistemologischen Thesen und die von ihr zu begründenden politischen Forderungen:

  • Die neoliberale Phase der kapitalistischen Entwicklung hat ihre Versprechungen eines Wohlstandsgewinns für alle und einer krisenfreien Marktexpansion offensichtlich nicht einlösen können – auch innerhalb der herrschenden Ökonomie und den mit ihr zusammenhängenden Sozialwissenschaften werden diese Beschränkungen kritisch thematisiert;
  • die damals weitestgehend marginalisierten Alternativen zum wissenschaftlichen Mainstream (vom Marxismus über den Feminismus und den Colonial Studies bis hin zu neuen Formen der Wissenschaftskritik) haben sich von dem Schock der historischen Wende der 1990er Jahre – d.h. dem konformistischen Effekt der Wahrnehmung der endgültigen Erledigung der sowjetischen Alternative – erholt und durchaus wirksam und weiterentwicklungsfähig neu aufgestellt;
  • die damals nur abstrakt zu hinterfragende Herrschaft eines neoliberalen Politikmusters ist seit dem offenen Ausbruch der globalen ökonomischen Krisenkonstellation 2007-08 konkret praktisch kritisierbar geworden – transformatorische politische Forderungen, die mehr sind als eine schlichte Wiederaufnahme der kommunistischen Politiken des 20.Jahrhunderts, können daher sinnvoll formuliert und vertreten werden.

Diese Feststellungen werfen die Frage auf, ob damit „radikale Philosophie“ als ein Platzhalter und gleichsam als ein Vorläufer effektiverer, konkreter Kritik nicht ihre spezielle Funktion und damit auch ihre aktuelle Bedeutung verloren hat. Ich versuche, diese Frage insofern widersprechend zu beantworten, als ich neben diesem unbestreitbaren – und durchaus positiv zu sehenden – Bedeutungsverlust eine andere, elementarere Funktion radikaler Philosophie frei zu legen unternehme, durch die sie eben diese konkrete Kritik gegen Selbstmissverständnisse und Verkürzungen kritisch absichert, welche sich ohne ihr kritisches Mitwirken immer wieder einstellen müssten.

 

Literatur:

Frieder Otto Wolf: Radikale Philosophie. Aufklärung und Befreiung in der neuen Zeit, Münster 2002, ²2009 
Ders.: Rückkehr in die Zukunft. Beiträge zur radikalen Philosophie, Münster 2012