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Gérard Raulet

Nach der Postmoderne – welche politische Philosophie?

Wer spricht noch von der Postmoderne? Wer unterscheidet noch die politische Philosophie als solche von anderen verwandten Diskursarten – der Moralphilosophie, der Sozialphilosophie? Daran lässt sich gerade die Frage anschließen, um die es mir hier geht: Hat nicht gerade die Postmoderne die Grenzen zwischen dem Politischen und dem Sozialen, darüber hinaus sogar zwischen dem Sozialen und dem „Sozietalen“ derart verwischt, dass wir nicht mehr imstande sind, die Aufgaben der politischen Philosophie klar wahrzunehmen und Prioritäten zu setzen?

Der scheinbare Sieg der Moralphilosophie ist ein Pyrrhussieg. Alle Fragen, die von der politischen Philosophie nicht mehr „a priori“ entschieden werden, müssen a posteriori als gesellschaftliche Problematiken abgehandelt werden. Denn auch die Entpolitisierung [verlangt] eine Rechtfertigung und diese Rechtfertigung wird durch private Werte geleistet (sei es für oder gegen „le mariage pour tous“), die gegen eine kollektive politische Willensbildung ausgespielt werden.

Das sind die durchaus konkreten Fragen, denen sich politische Philosophie heute zu widmen hat. Sie lösen sich nicht in sozialwissenschaftlicher Analyse und Beratung auf, sie betreffen die Artikulation zwischen dem Politischen und dem Sozialen, und das heißt den Kernbereich, den die Globalisierung und Finanzialisierung des Kapitalismus völlig vernachlässigt und den die Politik, auch die sozialdemokratischen Regierungen, nicht mehr besetzen können, weil sie sich ihrer Hoheit in wirtschaftlichen Angelegenheit entledigt haben.